Fluorchinolone: Neue Warnung vor schweren und möglicherweise dauerhaften Nebenwirkungen

04. August 2016 – Fluorchinolone stellen eine Untergruppe der Chinolone dar. Die Verbindungen werden als Antibiotika eingesetzt, die zu den Gyrasehemmern gehören. Normalerweise bewirkt das den Bakterien eigene Enzym Gyrase eine Überspiralisierung der DNA (Supercoiling). Die Fluorchinolone hemmen diese Enzym. Die im Chromosom der Bakterien gespeicherte mechanische Energie nimmt dadurch ab und die Chromosomenlänge zu. Als Ergebnis kann die Bakterien-DNA nicht mehr korrekt repliziert werden. Zunächst stoppt das Bakteriumwachstum (bakteriostatische Wirkung), dann sterben die Zellen ab (bakterizide Wirkung). Fluorchinolone haben ein sehr breites Wirkungsspektrum gegenüber den meisten gramnegativen und grampositiven Bakterien, wobei einige Anaerobier und verschiedene StreptokoFlourchinoline Ikken eine Resistenz aufweisen können. Als medizinische Indikationen gelten fast alle bakteriellen Infektionen, wobei Harnwegs- und Atemwegsinfektionen im Vordergrund stehen. Im Gegensatz zu anderen, klassischen Gyrasehemmern zeichnen sich Fluorchinoline durch ein breiteres Wirkungsspektrum aus, da neuere Fluorchinolone auch gegen andere Erreger-Enzyme wie die Topoisomerase IV wirksam sind.  Fluorchinolone werden sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin eingesetzt. Chemisch gesehen sind die Fluorchinolone im Grundgerüst fluoriert und weisen zusätzlich einen Piperazinsubstituenten auf.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die Amerikanische Food & Drug Administration (FDA) ihre Warnhinweise für den systematischen Gebrauch von Fluorchinolonen aktualisiert. „Diese Arzneimittel sind mit schwerwiegenden und potenziell permanenten Nebenwirkungen auf Sehnen, Muskeln, Gelenke, Nerven und das zentrale Nervensystem assoziiert, die allesamt gleichzeitig bei demselben Patienten auftreten können“, heißt es in der entsprechenden Sicherheitsmeldung der FDA. In Folge der neuen Erkenntnisse hat die FDA unter anderem die stärkste Art der Warnung für den Gebrauch von Arzneimitteln überarbeitet, nämlich das sogenannte “Boxed Warning” (gerahmte Warnung), welches an prominenter Stelle in der Fachinformation zum Arzneimittel zu finden ist.

Fluorchinolone sollten bei relativ unbedenklichen Infektionen wie einer akuten bakteriellen Sinusitis, bei bakteriellen Exazerbationen einer chronischen Bronchitis und bei Harnwegsinfektionen nur noch gegeben werden, wenn für die Patienten keine anderen Behandlungsoptionen zur Verfügung stehen, wiederholt die FDA ihre Empfehlung, welche zu ersten mal schon im Mai 2016 veröffentlicht wurde. Bei einigen schweren Infektionen mit Bakterien, die auf Fluorchinolone empfindlich reagieren, etwa Pneumonien oder intraabdominelle Infektionen, sei das Nutzen-Risiko-Verhältnis aber weiterhin positiv, so die FDA.

Nebenwirkungen möglicherweise von Dauer

Die jüngste Warnung stützt sich auf eine Analyse der FDA Adverse Events Reporting (FAERS)-Datenbank, wonach zwischen November 1997 und Mai 2015 bei 178 Patienten unter Fluorchinolonen Schäden an Muskeln, Skelett oder Nervensystem festgestellt wurden. Im Durchschnitt hatten diese Nebenwirkungen 14 Monate lang angehalten, wobei für die Auswertung nur jene Patienten berücksichtigt wurden, deren Nebenwirkungen länger als einen Monat persisitiert hatten und mindestens 2 verschiedene Organsysteme betrafen. Während die Nebenwirkungen in einigen Fällen wieder vergingen, waren sie bei anderen Patienten dauerhaft (bis zu 9 Jahre) oder verschlechterten sich im Laufe der Zeit. „Es ist möglich, dass diese Nebenwirkungen dauerhaft sind“, urteilt die FDA.

Gemäss der Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) sind die potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen der Fluorchinolone gut bekannt und in den EU-weiten Produktinformationen enthalten. Die EMA stützt sich auf eine Sicherheitsüberprüfung aus dem Jahr 2008 und eine weitere Überprüfung des Antibiotikums Tavanic™ (Levofloxacin) aus dem Jahr 2012, die zu Einschränkungen der oralen Anwendung bei Sinusitis, Bronchitis und Pneumonie sowie bei Haut- und Weichteilinfektionen geführt haben. EU-weit sind zur systemischen Gabe unter anderem die Wirkstoffe Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin, Ofloxacin und Pefloxacin zugelassen. Wie der Webseite der EMA zu entnehmen ist, stand das Thema Fluorchinolone erst kürzlich bei einem Treffen des Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) erneut auf der Agenda. Eine offizielle Mitteilung zum Ausgang der Beratungen wurde bisher allerdings nicht veröffentlicht, jedoch beurteilt das Komitee derzeit ein „mögliches” Signal für Uveitis und fluorchinolonhaltige Arzneimittel..

Nebenwirkungen unverzüglich melden

Patienten wird empfohlen, ihre verschreibenden Ärzte unverzüglich zu kontaktieren, wenn sie eine der beschriebenen Nebenwirklungen entwickeln oder sich wegen ihrer Medikamente Sorgen machen“. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) appelliert nach Veröffentlichung der FDA-Warnung an alle Ärzte in Deutschland, alle beobachteten Nebenwirkungen, auch Verdachtsfälle, über einen Online-Berichtbogen zu melden.

Lesen sie hier die neueste Mitteilung der FDA im Original:  FDA Drug Safety Communication, 26. Juli 2016.

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Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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