Für Eltern gut zu wissen: Verwendung von Tramadol kann bei einigen Kindern ein ernsthaftes gesundheitliches Risiko darstellen

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19. Oktober 2015 – Auch Eltern müssen sich zunehmend mit theragenomischer und personalisierter Medizin befassen. Dies, um für sich selber auf dem neuesten Stand zu sein, und vor allem auch, um die Auswirkungen moderner Theragenomik auf ihre Kinder einschätzen zu können. Als Paradebeispiel für diese Feststellung kann die Untersuchung der Amerikanischen Food & Drug Administration (FDA) bei Kindern im Alter von 17 Jahren und jünger gelten, welche nach Behandlung mit dem Schmerzmittel Tramadol an einer seltenen, aber sehr ernsthaften Gefahr verlangsamter oder schwer beeinträchtigter Atmung leiden können, mitunter mit fatalem Ausgang. Diese Gefahr ist erheblich erhöht bei Personen (inklusive Kinder), welche zur Gruppe der sogenannten “Ultrarapid Metabolizers” gehören. Diese Gruppe von Personen setzt aufgrund ihrer besonderen genetischen Ausstattung gewisse Wirkstoffe besonders schnell um. Die Behandlung mit Tramadol erfolgt oft zur Schmerzbekämpfung bei Kindern nach der Operation von Mandeln und/oder nach der Entfernung von Polypen.

Tramadol wird in der Leber durch das CYP2D6-Enzym in die aktive Form eines Opioids, nämlich dem O-Desmethyltramadol, umgewandelt. Einige Personen haben genetische Variationen im CYP2D6-Gen, dank denen sie zu Mitgliedern der Gruppe der  “Ultrarapid Metabolizer” werden. Diese Personen wandeln Tramadol in einem viel höheren Ausmass als normal zu O-Desmethyltramadol um. Tramadol IIAuf der Grundlage von Tiermodellen, ist O-Desmethyltramadol bis zu 6 mal potenter als Tramadol in der Schmerzverminderung und 200 mal stärker in µ-Opioid-Rezeptor-Bindung. Es ist daher nicht erstaunlich, dass CYP2D6-abhängige “Ultrarapid Metabolizer” ein erhöhtes Risiko for Schwierigkeiten mit der vom µ-Opoid Receptor abhängigen Atmung mit teilweise fatalem Ausgang tragen.

Tramadol ist in den USA für Kinder nicht zugelassen; Daten zeigen jedoch, dass es dennoch häufig “off-Label” in der pädiatrischen Bevölkerung verwendet wird. Dies dürfte auch im Einzugsbereich anderer Zulassungsbehörden weltweit zutreffen. In jedem Falle prüft die FDA die verfügbaren Informationen und kommuniziert ihre Schlussfolgerungen und Empfehlungen an die Öffentlichkeit. Fachkräften des Gesundheitswesens sollte bewusst sein, dass für Kinder alternative, zugelassene Schmerzmittel verwendet werden sollten.

Wird trotzdem Tramadol verwendet, sollten Eltern und Betreuer von Kindern, die nach der Einnahme von Tramadol Anzeichen einer verlangsamten, flachen, oder schwierigen und lauten Atmung, sowie Verwirrung und/oder ungewöhnliche Schläfrigkeit festellen, sofort ärztliche Hilfe in der Notaufnahme eines Spitals oder anderen lokalen ärztlichen Notdiensten in Anspruch nehmen. Medizinisches Fachpersonal und Patienten sind aufgefordert, unerwünschte Ereignisse oder Nebenwirkungen bezüglich der Verwendung von Tramadol ihren nationalen Arzneimittelüberwachungs-Programmen zu melden.

Eltern sollte bewusst sein, dass Kodein-haltige Arzneimittel für Kinder gegen Husten und Erkältungen mit einem ähnlichen Risiko von verlangsamter oder schwieriger Atmung einhergehen. Wieder sind Personen (Kinder) betroffen, welche zur Gruppe der oben angesprochenen CYP2D6-abhängigen “Ultrarapid Metabolizer” gehören, weil diese Personen Kodein in einem viel höheren Ausmass als normal in Morphin umwandeln, welches genauso wie O-Desmethyltramadol mit hoher Affinität an den  µ-Opioid-Rezeptor bindet, mit den bekannten Auswirkungen auf die Atmung. Thasso Post veröffentlichte kürzlich zwei Artikel, welche auf auf diesen Umstand aufmerksam machen; ein Artikel bezog sich auf eine entsprechende FDA-FMitteilung und ein zweiter Artikel reflektierte eine ähnliche Mittelung  der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA).

Weiterhin ist es für Eltern, Kinderärzte, und dem Personal aus dem Gesundheitswesen gut zu wissen, dass im Rahmen der gegenwärtigen Immigrationswelle Kinder zu uns kommen aus Regionen dieser Erde, wo die Häufigkeit der angesprochenen kritischen CYP2D6 genetischen Varianten  in der Bevölkerung viel höher ist als bei uns Zentraleuropäern (etwa 0.1% der Individuen). Sie sind z.B. in der eritreischen Bevölkerung etwa 30% aller Individuen Träger der entsprechenden CYP2D6 genetischen Variationen und damit “Ultra-Metabolizer” von, unter anderen Medikamenten, Kodein und Tramadol. Dies ist zu beachten, wenn Kinder mit diesem entsprechenden Migrationshintergrund gegen Husten und Erkältung behandelt werden sollen.

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Joseph Gut - thasso Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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