Lyrica (Pregabalin): Tausende Todesfälle?

Lyrica (Pregabalin): Tausende Todesfälle?

Last Updated on March 25, 2024 by Joseph Gut – thasso

09. März 2024 – Lyrica (Pregabalin) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Gabapentinoide und gehört als Wirkstoff zu den Antikonvulsiva. Zugelassen ist es EU-weit seit 2004 zur Behandlung neuropathischer Schmerzen, der Epilepsie sowie der generalisierten Angststörung. In Grossbritannien häufen sich nun besorgniserregende Meldungen zu Todesfällen in Patienten im Zusammenhang mit dem verschreibungspflichtigen Lyrica (Pregabalin). Was dahinter steckt?
Soziale Phobie? Oder echte Besorgnis?

Gemäß einer Recherche der Sunday Times  veröffentlichte das Office for National Statistics Grossbritanniens kürzlich neueste  Zahlen zu Todesfällen im Zusammenhang mit der Anwendung der Wirkstoffe  Gabapentin (Neurontin® und Generika) und Pregabalin (Lyrica® und Generika) in England und Wales zwischen den Jahren 2018 und 2022..

Danach wurden in den vergangenen fünf Jahren knapp 3400 Todesfälle mit dem Wirkstoff Pregabalin in Verbindung gebracht. Lag die Zahl 2012 noch bei neun Todesfällen, stieg sie zehn Jahre später 2022 bereits auf fast 780 an. Es handelt sich gemäss Sunday Times um die am schnellsten steigende Zahl an Todesopfern im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln in Grossbritannien.

Kann Panikattaken und Angstzustaende lösen.

Diese Zahlen beunruhigen natürlich auch Anwender in anderen Ländern, und Medien in verschiedenen Ländern haben diese Zahlen aufgegriffen; weil die zitierten Zahlen variieren und verschiedenen Meldungen möglicherweise verschiedenen Quellen als Grundlage haben, scheint mit Pergabalin (und eventuell auch mit Gabapentin) ein Problem zu bestehen. Wie erwähnt werden die beiden Gabapentinoide bei neuropathischen Schmerzen, Epilepsie und generalisierten Angststörungen eingesetzt und gehören zu den häufig verordneten Medikamenten. Bei einer ordnungsgemäßen Anwendung gemäß der Zulassung der Wirkstoffe  durch die zuständigen Bewilligunsbehörden  (wie z.B. FDA, EMA, Swissmedic) besteht eigentlich kein Anlass zur Sorge. Allerdings basieren diese Zulassungen oft auf klinischen Studien mit einer möglicherweise kleinen und sorgfältig ausgewählten vorselektionierten Anzahl von Patienten.  Werden diese Arzneimittel nun in der generellen  Patiente-Population angewendet, können vorher nicht bekannte Verhalten und Wirkungen (erwünschte oder nicht erwünschte) auftreten. Diese werden in der Pharmakovigilanz erfasst, werden den Registriereungsbehörden gemeldet und in Datenbanken abgelegt.

Aus solchen Pharmakovigilanz-Daten mag ein gewisses Verhalten der Gabapentine in der Bevölkerung hervorgehen, und zum Verständnis der Gabapentin und Pergabalin zugeschriebenen steigenden Zahlen der Fatalitäten beitragen.In den zur Diskussion stehenden Jahrn ist offenbar das Verordnungsvolumen enorm gestiegen; auch wenn  Pregabalin an sich nicht gefährlich ist, könnte Pregabalin jedoch gefährlich werden, wenn es zusammen mit anderen Arzneimitteln eingenommen wird, mit denen es negative Wechselwirkungen hat, unabhängig davon, ob es vorschriftsmäßig verwendet wird oder nicht. Dazu gab es bereits früherWarnungen in Bezug auf Missbrauch, Abhängigkeit und Suizidversuchen.

Wechselwirkungen mit Opioiden und Benzodiazepinen.

Fibromyalgie

Hier scheint auch das Problem zu liegen. Eine Analyse der Zahlen zu Gabapentinoid-Toten in England zwischen 2004 und 2020 ist im April 2022 im ‘British Journal of Clinical Pharmacology” erschienen. Dabei  wurden die Todesfälle nach Gabapentinoid-Konsum in England, welche dem National Program on Substance Abuse Deaths (NPSUM) gemeldet wurden genauer untersucht. Insgesamt wurden 3051 Todesfälle gemeldet (Gabapentin: 913 Fälle; Pregabalin: 2322 Fälle [beide in 184 Fällen nachgewiesen]). Verschreibungspflichtige und illegal erworbene Gabapentinoide machten einen ähnlichen Anteil der Todesfälle aus (illegales Gabapentin 38,0 %, verschriebenes 37,1 %; illegales Pregabalin 41,0 %, verschriebenes 34,6 %). Opioide wurden in den meisten Fällen mitentdeckt (92,0 %) und in einem Viertel mitverordnet (25,3 %). Postmortale Gabapentinoid-Konzentrationen im Blut waren häufig (sub)therapeutisch (65,0 % der Gabapentin-Fälle; 50,8 % der Pregabalin-Fälle). Nur in zwei Fällen wurde allein die Gabapentinoid-Toxizität als Ursache für den Tod angesehen. Gabapentinoide allein führen selten zum Tod. Klinisch relevante Dosen können sich jedoch als tödlich erweisen, möglicherweise durch eine Verringerung der Opioidtoleranz.

Euphorie

Zum lebensgefährlichen Problem werden Gabapentin und vor allem Pregabalin also wohl nur, wenn sie missbräuchlich und in Kombination mit anderen Drogen, vor allem Opioiden, verwendet werden. Verordnende Ärzte als auch die Patienten sollten dabei besser über die potenziellen Risiken von Pregabalin und Gabapentin aufgeklärt werden, vor allem das Abhängigkeitspotenzial. Die Verschreiber sollten regelmäßig prüfen, ob die Verordnung weiterhin notwendig ist. Zudem sollten Interaktionen berücksichtigt werden, insbesondere bei einer Suchterkrankung. Sucht-gefährdete Personen bräuchten mehr Unterstützung und Aufklärung.

Dies scheint für Patienten unter Pregabalin-Therapie besonders wichtig zu sein. Ursprünglich kam Pregabalin zur Behandlung von Epilepsie auf den Markt. Mittlerweile wird das Arzneimittel aber auch bei Angstzuständen und Nervenschmerzen verschrieben. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang. Es kann zu Schwindel, Vergesslichkeit oder auch Atemnot kommen. Und besonders problematisch: Das Medikament löst eine euphorische Stimmung aus und kann abhängig machen. Die Folge: Suchtkranke können die Einnahme des Wirkstoffs nicht mehr kontrollieren, sie erhöhen oft eigenmächtig die Dosis. Oder kombinieren das Medikament mit anderen Betäubungsmitteln – mit fatalen bis tödlichen Folgen. Gemäss Betroffenen ist ein Entzug von Pregabalin mit dem von Morphium vergleichbar: Sie gehen durch die Hölle.

Schweiz: Nur 17 Verdachtsmeldungen zu einem Todesfall

Auch in der Schweiz ist der Wirkstoff Pregabalin zugelassen, um Epilepsie, Nervenschmerzen und Angststörungen zu behandeln. Zahlen von der Aufsichts- und Zulassungsbehörde Swissmedic zeigen jedoch: Pregabalin allein führt nicht zu einer Häufung von Todesfällen. Gemäß Swissmedic sind seit 2005 insgesamt 17 Verdachtsmeldungen zu einem Todesfall eingegangen. Die Zahlen seien stabil. Es habe weder einen Anstieg der Meldungen gegeben, noch seien Auffälligkeiten erkennbar. Aber auch hier haben die Verschreibungen von Pregabalin haben zugenommen. Eine 2020 erschienene Studie, des Bundesamts für Gesundheit (BAG) kam zum Schluss, dass nicht nur der Verbrauch deutlich anstieg, sondern sich auch die Anzahl der Behandlungstage erhöhte. Damit steigt auch der die Möglichkeit des Missbrauchs.

Die Situation in der Schweiz scheint aber weniger dramatisch als in Grossbritannien zu sein, was  an der sehr unterschiedlichen sozioökonomischen Situation der Schweiz liegen könnte, ohne Millionenstädte und mit einem sehr gut ausgebauten Sozialsystem und Expertise in der Suchtbetreuung.

Fazit

Gabapentine wie Gabapentin (Neurontin und Generika) und Pregabalin (Lyrica und Generika) sind durchaus schwierig anzuwendende Arzneimittel mit hohem unerwünschtem Interaktions-Potential mit Ko-Medikation aus dem Suchtbereich. Die in den Medien auftauchenden Meldungen über steigende Zahlen von Pregabalin verursachten  Fatalitäten  / Todesfällen müssen insofern relativiert werden als dass in diesen Meldungen der Zusammenhang dieser Fälle mit Ko- und Multi-Medikationen mit Suchtpotential nicht aufscheint. Dies kann für betroffene Patienten zu falschen Befürchtungen und Panik über das reale Ausmass der Gefahren, welche von Therapien mit Gabapentinen ohne Ko-Medikation ausgehen, führen.

Sehen sie hier eine Sequence zu verschiedenen Aspekten der Pregabalin-Therapie:

 

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Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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