Wer kennt Duogynon (Norethisteron)? Eine dunkle Geschichte

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10. Dezember 2016 – Wenn langsam der Winter ins Land zieht und weihnächtliche Romantik selbst in hochprofessionelle Arbeitswelten modernster Ausgestaltung Einzug hält, ertappt sich der Author dieses imageBlogs dabei, nostalgisch zu werden und hie und da geudanklich in die anscheinend bessere Vergangenheit abzuschweifen. Interessanterweise stösst man dabei in den dunklen Monaten nicht selten auch auf eher dunkle Geschichten. Eine solche, wahrlich erschreckende, aus dem direkten beruflichen Umfeld der Azrneimittelsicherheit stammende Geschichte ist kürzlich aufgetaucht.

Die Geschichte ist vergleichbar mit dem Contergan-Skandal aus den frühen 60er Jahren. Viele Kinder kommen in den 60er und 70er Jahren mit Missbildungen auf die Welt: Hirnschäden, Herzfehler, verkümmerte Gliedmaßen. Ihre Mütter haben nicht das Arzneimittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid eingenommen, sondern das Arzneimittel Duogynon mit dem Wirkstoff Norethisteron verschrieben bekommen.

Ein Fall, vergleichbar mit dem Contergan-Skandal, ein Pharma-Skandal vergleichbar schlimm wie damals die Folgen von Contergan. Eigentlich ist Duogynon ein von der Firma Schering in den 60er- und 70er-Jahren entwickeltes Hormonpräparat, das bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt wurde. Frauenärzte verabreichten es gerne als einfachen Schwangerschaftstest. Wenn die mit Dougynon eingenommenen Hormone keine Blutungen auslösten, wusste die Frau, dass sie schwanger war. Was die zugeführten Hormone bei den Kindern im Bauch der Mutter anrichteten – daran dachte anscheinend niemand.

Oder war es vielleicht so, dass Mitarbeiter der Firma und Mitarbeiter der damaligen Zulassungsbehörden gemeinsam vorhandene Erkenntnisse nicht adäquat weitergegeben haben an die Entscheidungsträger innerhalb der Firma, an die Zulassungsbehörden, und an Ärzte und deren Patientinnen, um den kommerziellen Erfolg des Produktes Dougynon nicht zu schmälern? Könnte es sein, dass diese Herren (Damen waren zu jener Zeit wohl kaum in entsprechenden Positionen anzutreffen) bewusst ein teratogenes Risiko ihres Produktes in Kauf genommen haben?

Dies könnte durchaus so sein. Kürzlich sind nämlich Dokumente aufgetaucht aus dem internen Schriftverkehr der Firma Schering. Zwanzig Ordner voller Briefe, Anweisungen, Tierstudien. Diese Dokumente hatten jahrelang in einem Archiv geschlummert. Sie belegen offenbar, dass Schering damals gewusst hat, welche Gefahr von Duogynon ausgeht und dass die Firma Schering alles getan hat, um das zu vertuschen. Im Zusammenhang mit Rechtsbegehren wurden sogar Hinweise gefunden, dass Wissenschaftler bezahlt wurden, um gefällige Studien zu schreiben.  Sollte dies zutreffen, wäre dies eine moralische Bankrotterklärung für alle damals in diesen Vorgängen beteiligten Personen  einerseits, und andererseits eine schwerwiegende Hypothek für den Rechtsnachfolger der Firma Schering, nämlich die Bayer AG, sollten denn Duogynon-Geschädigte auf Grund der Schwere und lebenslang andauernden Konsequenzen der unerwünschten teratogenen Wirkungen des Produktes Duogynon (Norethisteron) auf die unerhörte Idee kommen, durchaus berechtigte Entschädigungs- und/oder Wiedergutmachungsansprüche  zu stellen.

Dieses ist eine Aufgabe, welche sich Betroffene auf einem neuen Portal und Forum  für Dougynon-Opfer gestellt haben. Hinter diesem Portal steht Andre Sommer, ein direkt Betroffener. Andre Sommer kommt 1976 auf die Welt. Als Bébé befindet sich seine Blase außerhalb seines Körpers. Er muss mehrere schwere Operationen über sich ergehen lassen und hat heute einen künstlichen  Blasenausgang. Andre Sommer weiß, dass auch seine Mutter das Mittel eingenommen hat. Er möchte nun Gewissheit haben: die Gewissheit, dass nicht eine Laune der Natur für seine Missbildungen – und diejenige Tausender anderer – verantwortlich ist, sondern ein Pharmakonzern, der fahrlässig gehandelt hat. Auf dem Portal  sind viele weiterführende und ständig aktualisierten Information zugänglich.

Es gibt einige interessante Videos zum Thema, z.B. von der ARD wie auch vom BayrischenRundfunk (BR). Es lohnt sich, herein zu schauen, auch um die Entwicklung dieses Skandal zu verfolgen. Weil es beschämend ist, wie sich die Firma Bayer windet, um einer Verantwortung zu entgehen.

Sehen sie hier einen Betrag aus England, wo Dougynon als Primodos auf dem Markt war, und, wenn wundert es, ähnliche gravierende Effekte hervorgerufen hat.

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About the Author
Joseph Gut - thasso Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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