Tödliches Nichtwissen: Bauchaortenaneurisma als stiller Killer

Tödliches Nichtwissen: Bauchaortenaneurisma als stiller Killer

Last Updated on May 16, 2017 by Joseph Gut – thasso

14. Mai 2017 – Aus der (medizinischen) Gesichte wissen wir, dass Albert Einstein, Thomas Mann, und Charles de Gaulle daran gestorben sind:  Bauchaortenaneurysma. Alle drei Männer erlitten eine Ruptur ihres Bauchaortenaneurysmas, welche zu ihrem Tode führte. Daraus abzuleiten, dass besonders sehr bekannte Männer gefährdet sind, wäre zwar falsch, dass es aber überwiegend Männer trifft (etwa 5 mal häufiger als Frauen), ist richtig. Ebenso könnte zutreffen, dass weder die drei Männer noch ihre behandelnden Ärzte von der drohenden lebensgefährlichen Gefahr wussten.

Die genaue Zahl der Menschen, welche an einem Bauchaortenaneurysma leiden, bleibt offen. Vage Vermutungen gehen davon aus , dass in der Europäischen Union etwa 700.000 Menschen an einem Bauchaortenaneurysma erkrankt sind. Da die Erkrankung in der Regel, wenn überhaupt, im besten Falle zu unspezifischen Symptomen, wie z.B. unspezifische Bauchschmerzen führt, muss von einer relativ hohen Dunkelziffer von Betroffenen ausgegangen werden, welche nicht von ihrer Erkrankung wissen. Insgesamt liegt die geschätzte Inzidenz der Erkrankung bei über 65-Jährigen bei etwa 4 bis 8 Prozent. Das Nichtwissen über die eigene Krankheit  könnte in der Folge die hohe Mortalitätsrate erklären; nicht umsonst wird diese Gefäßanomalie als “stiller Killer” (silent killer) bezeichnet.

Wichtigster Risikofaktor ist das Rauchen, so sind 80% der Patienten Raucher. Ein weiterer Risikofaktor ist eine positive Familienanamnese. Der maximale Durchmesser korreliert sehr gut mit dem Risiko einer Ruptur des Aneurysma. Bei einem Durchmesser zwischen 3 und 4 Zentimetern, wird das Risiko noch relativ moderat eingeschätzt.. Steigt der Durchmesser auf 5 oder 5,5 Zentimeter, dann steigt das Risiko für eine Ruptur sehr deutlich an, nämlich bis zu einem 5-Jahresrisiko von 24 bis zu 40 Prozent. Amerikanische Studie schätzen die Mortalitätsraten auf 50 bis 80% bei noch grösseren Aneurysma und bei zunehmendem Alter der Patienten.

Vorsorgliches Screening wäre wohl angesagt gegen die hohe Dunkelziffer: Idealerweise sollten alle Männer über 65 Jahre systematisch vorsorglich untersucht werden. Ebenso Frauen, welche  über 65 Jahre sind und eine Raucheranamnese haben. Ein Ultraschall-Verfahren wäre da zweckmässig, leicht durchführbar, nicht invasiv, und kostengünstig. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse gab bisher leider nicht. Sollte sich dies nicht in Kürze ändern, wird die lebensbedrohliche Erkrankung weiterhin nur durch Zufall entdeckt und diagnostiziert werden, dies vor allem im Laufe von bildgebenden Untersuchungen im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen. Das bleibt eher gefährlich und bedenklich.

 

Neben medikamentöser Behandlung ist in der Regel  ein operatives Eingreifen nötig; gültige ärztliche Leitlinien empfehlen ein operatives Vorgehen bei einem Durchmesser der Bauchaorta von mehr als 55 mm bzw. wenn der Durchmesser um mindestens 10 mm pro Jahr zunimmt. Es stehen zwei Verfahren zur Verfügung: die offene Operation, bei der eine künstliche Gefäßprothese in die Bauaorta eingenäht wird, oder das endovaskuläre Einbringen (EVAR) eines Stentgrafts. Dabei wird EVAR als sicheres Verfahren angesehen, welches aber nur an Zentren mit entsprechender Expertise erfolgen sollte. Bei Patienten mit nicht rupturiertem Aneurysma ist das Verfahren gegenüber der offenen Operation günstiger, und die 30-Tages-Mortalität ist gering(er).

Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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