Kann Kiffen zu Schizophrenie führen?

Last Updated on

28. Januar 2017 – Die Titelfrage scheint leicht beantwortbar zu sein. Ja, kiffen kann zu Schizophrenie führen. Das wenigstens weist eine kürzlich veröffentlichte internationale Studie nach, an der unter anderem auch Schweizer Forscher aus Lausanne beteiligt waren.

Epidemiologische Daten von Studien aus über 40 Jahren haben bereits stark darauf hingewiesen, dass ein Zusammenhang zwischen Cannabis und dem Schizophrenierisiko besteht – auch abhängig von der Dosis. Aber bisher konnte keine Studie nachweisen, dass Kiffen direkt für das Auftreten der Krankheit verantwortlich war.

 Dies ist nun aber mit einer neuen Studie gelungen, welche soeben im Journal “Molecular Psychiatry” veröffentlicht wurde. Die Studie basiert auf einer Methode, die als “Mendelsche Randomisierung” bezeichnet wird. Damit lässt sich der Einfluss eines Risikofaktors, in diesem Fall Cannabiskonsum, auf das Auftreten von Krankheiten, hier Schizophrenie, untersuchen.

Mit dieser Methode lassen sich falsche Rückschlüsse vermeiden, zum Beispiel, dass die Wirkung fälschlicherweise für die Ursache gehalten wird. In diesem Fall wird so ausgeschlossen, dass ein erhöhtes Schizophrenierisiko der Grund für stärkeren Cannabiskonsum sein könnte. Das Konzept besteht darin, genetische Marker zu verwenden, die statistisch mit dem Risikofaktor (Cannabiskonsum) in starkem Zusammenhang stehen. Genetische Marker sind angeboren und zufällig in der Bevölkerung verteilt. Sie sind zudem nicht durch Umweltfaktoren beeinflusst, wie beispielsweise das familiäre Umfeld oder die sozio-ökonomische Situation.

Die Wissenschaftler stützten sich auf Daten aus einer Publikation von 2016, die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genvarianten und dem Cannabiskonsum bei 32’000 Studienteilnehmenden nachgewiesen hat. Die gleichen genetischen Marker wurden anschliessend in einem separaten Datensatz gesucht, der Erbinformation von 34’000 Patienten und 45’000 Gesunden umfasste.

Durch Kombination dieser Informationen aus zwei separaten Quellen kamen die Forschenden zum Schluss, dass Cannabiskonsum mit einem um 37 Prozent erhöhten Schizophrenierisiko einhergeht. Ähnliche Zahlen hatten auch frühere Beobachtungsstudien ergeben. Darüber hinaus wird der Zusammenhang auch nicht von anderen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel Tabakkonsum.

Cannabis erlebt gegenwärtig eine Welle der Liberalisierung seines Gebrauches als Genussmittel und zunehmend auch für therapeutische Zwecke in verschiedenen Indikationen. Ein gutes und genaues Verständnis der Wirkmechanismen wäre daher von grosser Wichtigkeit beispielsweise zu ermöglichen, Warnhinweise für Sub-Gruppen von Individuen mit hohem Risiko für Schizophrenie oder andere Störungen zu formulieren.

Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge mit schätzungsweise 182 Millionen Konsumenten im Jahr 2013. Andere Studien hatten bereits eine Beeinträchtigung der Signalübertragung im Nervensystem nachgewiesen, die mit der Entstehung psychotischer Störungen in Verbindung stehen, sowie einen Einfluss auf die Reifung der Hirnrinde bei Jugendlichen.

Cannabis wird in neuer Zeit in einer Reihe von therapeutischen Anwendungen verwendet. Gut dokumentiert und nachgewiesen ist die Wirksamkeit des Cannabis in der Schmerztherapie, bei multipler SkleroseÜbelkeitErbrechen und Kachexie. Viele Studien weisen auf das arzneiliche Potential von medizinischem Cannabis bei gewissen Krebsformen, psychiatrischen Symptomen (z. B. SchlafstörungenAngststörungenADHSbipolare Störungenschizophrene Psychosen, endogene Depressionen), entzündlichen Schmerzsyndromen (z. B. Colitis ulcerosaArthritis), sowie bei Autoimmunerkrankungen (z. B. Morbus Crohn) hin.

Weitere medizinische Anwendungen von Cannabis und Cannabinoiden werden derzeit intensiv erforscht. Es wird interessant sein zu verfolgen, wie weit die zitierte Studie und das identifizierte Schizophrenie-Risiko die Nutzen-Risiko Evaluation von Cannabis und Cannabinoiden in therapeutischer Anwendung beeinflussen werden. Man könnte sich vorstellen, dass bei Patienten, welche genetische Marker für Cannabis-verursachte Schizophrenie tragen, Cannabis-basierte Therapien nicht angewendet werden sollten.

Tags: , , , ,
About the Author
thassodotcom Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.
1 Pings/Trackbacks for "Kann Kiffen zu Schizophrenie führen?"

Your opinion

Comment

No comments yet

thasso: zustände

thasso: kurzmitteilungen

thasso post: magazin

View my Flipboard Magazine.

thasso: kategorien

thasso: archive

thasso: einfacher chat

You must be a registered user to participate in this chat.

  • Online tool helps patients demystify the 'Pandora's box' of genomic sequencing December 11, 2019
    A decision aid developed to support patients undergoing genomic sequencing can reduce the amount of time patients spend speaking with overburdened genetic counselors while helping them were more knowledgeable about the benefits of sequencing, suggests a study from St. Michael's Hospital.
  • Genetic brain disorder fixed in mice using precision epigenome editing December 10, 2019
    Using a targeted gene epigenome editing approach in the developing mouse brain, Johns Hopkins Medicine researchers reversed one gene mutation that leads to the genetic disorder WAGR syndrome, which causes intellectual disability and obesity in people. This specific editing was unique in that it changed the epigenome—how the genes are regulated—without changing the actual genetic […]
  • Modifier gene may explain why some with cystic fibrosis are less prone to infection December 10, 2019
    Cystic fibrosis is caused by an inherited mutation in the cystic fibrosis transmembrane conductance regulator (CFTR) gene. Due to this mutation, the CFTR protein doesn't embed in cell membranes to form a channel for chlorine ions the way it should. As a result, mucus-producing cells secrete a thicker-than-normal mucus that can create blockages in the […]
  • Genetic variant largely found in patients of African descent associated with heart failure December 10, 2019
    A genetic variant in the gene transthyretin (TTR)—which is found in about 3 percent of individuals of African ancestry—is a more significant cause of heart failure than previously believed, according to a multi-institution study led by researchers at Penn Medicine. The study also revealed that a disease caused by this genetic variant, called hereditary transthyretin […]
  • Geneticists identify small molecules that are potential indicators for disease December 10, 2019
    A critical question in medicine asks how individual variation in DNA can predict variation in health and disease. New research from the Clemson Center for Human Genetics identified hundreds of metabolites that might serve as intermediates to translate variation in the genome to variation in complex traits. Published recently in Genome Research, the findings could one day […]
Top