Glyphosat: Wahrscheinlich krebserregend. Oder definitiv?

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13. August 2018 – Hier geht es einmal nicht um ein Arzneimittel. Hier geht es um das seit Jahren umstrittene Herbizid Glyphosat und seiner Sicherheit in der Anwendung. Die Herstellerfirma ist natürlich der Ansicht, dass es um Glyphosat nicht die geringsten Sicherheitsaspekte gibt, weder für die Umwelt, in welche das Produkt in Tausenden von Tonnen jedes Jahr versprüht wird, noch für (landwirtschaftliche) Produkte, welche von diesen versprühten Feldern stammen und den Konsumenten zugeführt werden. Andererseits gibt es die berechtigten Bedenken, dass Glyphosat gesundheitlich gesehen nicht ganz so unbedenklich ist, wie von der Herstellerfirma vorgegaukelt wird, und dass feststellbare Kontaminationen auf landwirtschaftlichen Produkten, aber auch von aktiv oder passiv exponierten Individuen Anlass zur Bersognis geben.

Mister Dewayne Johnson: Der klagende und von einer Krebserkrankung betroffene Patient.

Eine wiederholt vorgebrachte Sorge war, dass Glyphsat krebserregend sein könnte. Natürlich hat die Herstellerfirma jede Art von ihr gesponserten Studien vorgelegt, welche das Gegenteil, nämlich jegliche Absenz eines krebserregenden Potentials von Glyphosat, belegen. gibt es spontane Studien verschiedenster Herkunft, nicht von der Herstellerfirma gesponsert, welche ein krebserrendens Potential von Glyphosat zumindest nicht ausschliessen. Die stärkte Evidenz für ein krebserregendes Potenzial von Glyphosat stammt von der Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon, Frankreich, welche Glyphosat, basierend auf weltweiten Erhebungen epidemiologischer Art beim Menschen als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hat. Die Einstufung “wahrscheinlich” erfolgte, weil die erhobenen Daten und die resultierende Evidenz für das Krebs erregende Potential von Glyphosat nicht aus kontrollierten prospektiven Studien stammt, sondern aus epidemiologischen Assoziations-Studien, in welchen nicht jeder einzelne Parameter zu hundert Prozent kontrollierbar ist, deren Aussage jedoch trotzdem schwerwiegend und überzeugend ist, da die tatsächlich vorliegenden klinischen Phänotypen erfasst werden. Die Herstellerfirma hat diese Evidenz stets vehement abgestritten.

Dies hat sich nun zum ersten Mal bitter gerächt: Ein Geschworenengericht in den USA hat die Herstellerfirma, den vormaligen Agrarkonzern Monsanto, heute Bayer AG,  zur Zahlung von 285 Millionen Dollar (knapp 250 Millionen Euro) Schmerzensgeld verurteilt. Dies nach einer Klage von Mister Begründung des Gerichts war einfach wie auch einleuchtend: Die Geschworenen-Jury hielt fest, dass Monsanto den Kunden nicht davor gewarnt habe, dass Herbizide Krebs auslösen könnten. Dadurch habe sich der Konzern der „Heimtücke“ schuldig gemacht. Der 46-jährige Kläger hatte Herbizide, darunter auch Glyphosat, als Hausmeister mehrerer Schulen über Jahre hinweg in großen Mengen angewendet.

Im Zentrum des Verfahrens stand die Frage, ob die in den Unkrautvernichtungsmitteln “Roundup” und “RangerPro” enthaltene Chemikalie Glyphosat möglicherweise eine krebsauslösende Wirkung hat. Wie oben erwähnt, sah sich die Herstellerfirma Monsanto, welche seit kurzem zum deutschen Bayer-Konzern gehört, bisher ausserstande,  differenziert eine krebsauslösende Wirkung ihres Produkts einzuordnen und entsprechend zu deklarieren.

Das könnte eine fatale Fehleinschätzung gewesen sein. In den USA machen tausende Krebskranke Monsanto für ihr Leiden verantwortlich. Ein Bundesrichter in San Francisco hatte im vergangenen Monat mehr als 400 weitere Klagen wegen der möglichen krebsauslösenden Wirkung des Unkrautvernichtungsmittels zugelassen. Natürlich bleibt unter Experten weiterhin hochumstritten, ob Glyphosat tatsächlich Krebs verursachen kann. Die US-Umweltbehörde EPA und auch die Aufsichtsbehörden in der EU und Deutschland gelangten zu dem Schluss, dass keine Krebsgefahr von dem Herbizid ausgeht. Dagegen hatte das IARC, wie oben beschrieben, vor drei Jahren konstatiert, dass Glyphosat WAHRSCHEINLICH krebserregend bei Menschen sei (Einordnung in Kategorie 2A). Anscheinend fördern unvoreingenommene und unabhängige Analysen aller vorhandenen Daten, ohne die Einmischung von Monsanto/Bayer, sowas wie ein real existierendes Krebsrisiko von Glyphosat, möglicherweise in Personen, welche berufsbedingt stark und möglicherweise ungeschützt exponiert werden, zu Tage. Eigentlich sollte die Wissenschaft solche Fragen klären können; da sie das offensichtlich nicht kann, kann man nur dankbar sein, dass es dafür Gerichte gibt.

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About the Author
Joseph Gut - thasso Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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@peepso_user_3(20urbain05) Der Agrarchemie- und Pharmakonzern Bayer hat in den USA einen wichtigen Teilprozess um angebliche Krebsrisiken von Produkten der Tochter Monsanto verloren.
Eine Jury des zuständigen Bundesbezirksgerichts in San Francisco befand am Dienstag einstimmig, dass das Unkrautvernichtungsmittel Roundup mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat ein wesentlicher Faktor für die Lymphdrüsenkrebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman (70) gewesen ist. Der Kalifornier hatte das Herbizid 25 Jahre lang auf seinem Grundstück verwendet. Siehe hier: https://www.bild.de/geld/wirtschaft/wirtschaft/glyphosat-monsanto-produkt-laut-us-jury-fuer-krebs-mitverantwortlich-60763852.bild.html
Die Geschworenen meinen, dass das Glyphosat-Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ ein Faktor für die Erkrankung eines Klägers war.
1 year ago 1 year ago

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