Opiate in der Schweiz: Ist auch hier eine Epidemie möglich?

18. April 2017 – Ist auch in der Schweiz, ähnlich wie in den USA, eine Opiat-Epidemie möglich? Es gibt ernsthafte Anzeichen dafür. Erstmals hat eine Studie eines Forscherteams mit der Erstautorin Maria M. Wertli aufgezeigt, wie in der Schweiz eine eklatante Zunahme von Verschreibungen von Opiat-haltigen Schmerzmitteln in der Zeitspanne von 2006 bis 2013 eingetreten ist, d.h., Schweizer Ärzte verschreiben immer mehr sehr starke Schmerzmittel.
In der Schweiz und vielen europäischen Ländern fehlten bislang Daten zur Verschreibung von starken Opiaten. Die breit angelegte Studie des Inselspitals Bern und der Universität Zürich liefert nun zum ersten Mal überhaupt konkrete Zahlen, allerdings primär die Schweiz betreffend. Ein Forschungsteam um die Wissenschafterin Maria M. Wertli konnte mit Hilfe von Kundendaten der landesweit grössten Krankenversicherung Helsana nachzeichnen, wie sich die Zahl der Rezepte für starke Opiat-Schmerzmittel zwischen 2006 und 2013 mehr als verdoppelt hat. Stellten Schweizer Ärzte vor elf Jahren im Schnitt 4700 Rezepte auf 100’000 Einwohner aus, waren es sieben Jahre danach bereits 10 400. Das entspricht einem Anstieg von 121 Prozent. Nicht mitgerechnet haben die Forscher jene Krankenversicherten, die im Rahmen einer Suchtbehandlung opiathaltige Ersatzmedikamente wie Methadon beziehen. Je nach Kanton stellten die Wissenschafter grosse Unterschiede bei der Verschreibungspraxis fest: Einen auffällig hohen Anstieg gab es in Freiburg (+270%), im Jura (+260%), in Uri (+220%), Basel-Stadt (+219%) und Schaffhausen (+201%). Wie erklärt sich dieser Zuwachs? Verschreiben Schweizer Ärzte die stark abhängig machenden Präparate zu wenig restriktiv? Droht eine Epidemie wie in den Vereinigten Staaten?
In dieser Woche jährt sich der Tag, an dem der amerikanische Popstar Prince tot aufgefunden wurde. Nach letzten Erkenntnissen  starb der Musiker an einer Überdosis Fentanyl. Dabei ist Fentanyl ein verschreibungspflichtiges opiathaltiges Schmerzmittel, mehr als hundert Mal so potent wie Morphin. Prince ist einer von Zehntausenden, die in den Vereinigten Staaten jedes Jahr an einer Überdosis Opiate sterben. Oft beginnt der Konsum mit einem Arztrezept und endet in der Sucht. Behörden und Fachleute sprechen von einer Epidemie.
Droht also auch in der Schweiz eine Opiat-Epidemie? Bei dem von Popstar Prince konsumierten Medikament Fentanyl schnellte die Zahl der Verschreibungen auf 100’000 Einwohner, in Morphin-Einheiten gemessen, gesamtschweizerisch um 91 Prozent in die Höhe. Das in den USA als Problemmedikament bekannte Oxycodon wurde viermal so oft verschrieben. Studienautorin Wertli vermutet, dass der Umgang mit starken Opiaten hierzulande eher lockerer geworden sei. Im Gegensatz zu früheren Jahren könnte bei Patienten die Akzeptanz von Schmerzen als Konsequenz einer Erkrankung zurück gegangen und damit der Einsatz starker Schmerzmittel zugenommen haben, vor allem zur Behandlung von akuten starken Schmerzen, Schmerzen bei Krebserkrankungen sowie am Ende des Lebens. Eine Suchtepidemie wie in den USA ist in der Schweiz jedoch eher unwahrscheinlich: Immerhin, wenn ein Arzt in der Schweiz ein Opiat verschreiben will, muss er für jede Packung ein neues Betäubungsmittelrezept ausstellen mit Kopie zuhanden der Akten, der Apotheke und der Krankenkasse. Somit besteht eine gewisse Kontrolle über den Gebrauch von starken Schmerzmittel auf Opiat-Basis.
Eine gewisse Gefahr geht jedoch von Fällen aus, in denen Ärzte chronische und unspezifische Schmerzen bei nicht krebsartigen Krankheiten über längere Zeit mit starken Schmerzmitteln behandeln. In Dänemark hat sich gezeigt, dass die Verschreibung von hochdosierten Opiaten mit erhöhten Sterberaten der Patienten einher ging. In der Schweiz fallen laut der Studienautorin Wertli etwa 80 Prozent aller Verschreibungen in die problematische Kategorie der Nicht-Krebs-Erkrankungen. Es ist denkbar, dass die Zunahme bei den Opiatverschreibungen vor allem in diesem Bereich erfolgt ist. Bei Hinweisen auf eine Überversorgung könnten gezielte Schulungen von Fachpersonen und Patienten sinnvoll sein. Geeignete Massnahmen könnten sein, dass Ärzte vor dem Verschreiben von Opiaten die Patienten auf suchtrelevante Risikofaktoren prüfen. Offensichtlich gibt es Patienten, welche familiär vorbelastet sind, psychische Erkrankungen aufweisen, oder schon nach anderen Substanzen süchtig sind. Diese letzte Feststellung soll übrigens keine gesellschaftliche Ausgrenzung Betroffener, oder, wie im Sucht- und Abhängigkeitsumfeld oft feststellbar, eine Schuldzuweisung an den / die Betroffene(n) darstellen. Das Gegenteil ist der Fall: Diese Patienten / Patientinnen benötigen alle unsere besondere Aufmerksamkeit und Hilfe, in jeder Hinsicht.
Sollte ein Patient nach einer ärztlich verordneten Opiat-Behandlung trotzdem abhängig werden, ist es wichtig, die Abgabe nicht abrupt abzubrechen. Bei einem kalten Entzug ist die Gefahr bei vielen Menschen nämlich groß, dass sie einfach den Arzt wechseln, der ihnen das Medikament wieder verschreibt. “Doctor Shopping” nennt sich dieses Phänomen. Nach Dr. Bruggmann, dem Chefarzt der Inneren Medizin der Arud Zentren für Suchtmedizin wären in solchen Fällen eine Substitutionstherapie sinnvoll. Also das langsame Entwöhnen mit schwächeren Opiaten.

In jedem Falle sollte die Welt nie mehr einen einzigen Patienten an Fentanyl verlieren. Jeder dieser verlorenen Patienten ist nāmlich einzigartig und als solches unersetzlich.

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Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

Posted in In der Presse, Klinische Studie, Thasso Post, Theragenomische Medizin, Unerwünschte Arzneimittel Nebenwirkungen
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