Kein Nutzen von Erlotinib (Tarceva) in Tumoren ohne EGFR Mutation

23. September 2016 – Swissmedic, das Schweizer Heilmittelinstitut, und Roche Pharma Schweiz orientieren soeben darüber, dass Erstlinien-Erhaltungstherapien bei Patienten mit Tumoren ohne EGFR-aktivierende Mutationen ohne Nutzen sind, und dass daraus eine Indikationseinschränkung für Erlotinib (Tarceva) resultiert. EGFR-aktivierende Mutationen kommen nur in etwa jedem siebten (7.) Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) vor.

Erlotinib (Tarceva)

Erlotinib (Tarceva)

Der Wirkstoff Erlotinib ist ein selektiver Inhibitor der Tyrosinkinase-Domäne des EGF-Rezeptors. Dies führt zu einer Blockade des Tumor-Zellwachstums. Indem Erlotinib die Tyrosinkinaseaktivität innerhalb der Zelle blockiert, verhindert es die Signalübertragung über den, für das Zellwachstum wichtigen Wachstumsfaktor HER1 (humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor 1), englisch auch epidermal growth factor receptor (EGFR) genannt.

Neuartige Krebstherapien zielen darauf ab, dieses onkogene Signal von EGFR zu blockieren und somit das Tumorwachstum zu unterbinden. Bereits erfolgreich getestete und zugelassene Substanzen dieser sogenannten gezielten Krebstherapie sind unter anderem Gefitinib (Iressa), Afatinib(Giotrif), die monoklonalen Antikörper Cetuximab (Erbitux) und Panitumumab (Vectibix), und eben  Erlotinib (Tarceva), ebenso ein kleines synthetisches Molekül wie Gefitnib und Afatinib).

Bezüglich Erlotinib (Tarceva) führten die Ergebnisse der IUNO-Studie zu der Schlussfolgerung, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Erlotinib (Tarceva) als Erhaltungstherapie von Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem nicht- kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) ohne EGFR-aktivierende Mutation nach 4 Zyklen einer Standard-Erstlinienchemotherapie auf Platinbasis nicht länger als günstig zu bewerten ist. Bei der IUNO-Studie handelte es sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3- Studie über Erlotinib (Tarceva) als Erstlinien-Erhaltungstherapie im Vergleich zu Erlotinib (Tarceva) bei Anwendung zum Zeitpunkt der Krankheitsprogression bei Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC, deren Tumor keine EGFR-aktivierende Mutation (i.e., Deletion des Exon 19 oder L858R-Mutation in Exon 21) aufwies und bei denen es nach 4 Zyklen einer Chemotherapie auf Platinbasis nicht zu einer Progression gekommen war. Die Patienten wurden randomisiert, um entweder Erlotinib (Tarceva) oder ein Placebo als Erhaltungstherapie und bei Krankheitsprogression anschliessend eine Chemotherapie/beste supportive Versorgung oder Erlotinib (Tarceva) zu erhalten.

Bei Patienten, die der Erhaltungstherapie mit Tarceva und einer Anschlussbehandlung mit einer Chemotherapie bei Krankheitsprogression zurandomisiert wurden, ergab sich im Vergleich zu Patienten unter Erhaltungstherapie mit einem Placebo und Anschlussbehandlung mit Tarceva bei Krankheitsprogression keine Verbesserung des Gesamtüberlebens (Overall Survival, OS) (HR=1,02, 95%-KI, 0,85 bis 1,22, p=0,82). In der Erhaltungsphase wurde bei den Patienten unter Behandlung mit Tarceva kein überlegenes progressionsfreies Überleben (Progression-free Survival, PFS) im Vergleich zu den Patienten unter Erhaltungstherapie mit dem Placebo festgestellt (HR=0,94, 95%-KI, 0,80 bis 1,11, p=0,48).

Ausgehend von den Ergebnissen aus der IUNO-Studie ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Tarceva als Erhaltungstherapie von Patienten ohne EGFR aktivierende Mutation nicht länger als günstig zu bewerten. Daher wird die Erstlinien-Erhaltungstherapie bei Patienten mit Tumoren ohne EGFR-aktivierende Mutation wird aus den Indikationen gestrichen. Diese neuen Daten haben keine Bedeutung für die Erstlinien-Erhaltungstherapie von Patienten, deren Tumor eine EGFR-aktivierende Mutation (Deletion von Exon 19 oder L858R-Mutation in Exon 21) aufweist.

Die Firma Roche hat in Abstimmung mit Swissmedic die Fach- und Patienteninformation von Erlotinib (Tarceva) entsprechend aktualisiert (compendium.ch: Tippen sie Tarceva).

Am Rande sei erwähnt, dass unter anderen das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (Januar 2016, hier) und Health Canada (Januar 2016, hier) über eben diesen Sachverhalt bereits informiert haben.

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Professor in Pharmakologie und Toxikologie. Experte in theragenomischer und personalisierter Medizin und individualisierter Arzneimittelsicherheit. Experte in Pharmako- und Toxiko-Genetik. Experte in der klinischen Sicherheit von Arzneimitteln, Chemikalien, Umweltschadstoffen und Nahrungsinhaltsstoffen.

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